* Robert Schlienz
Der Ritter mit der eisernen Faust
von Hans Blickensdörfer
(1995 zum Tode von R. Schlienz)
Wer Robert Schlienz nicht spielen sah, und das trifft auf die
meisten zu, die heute ins Daimler-Stadion gehen, der hat,
fußballerisch gesehen, das Pech der späten Geburt. Denn einen
Nachfolger, der seine immense Bedeutung für die Mannschaft
erreichte, hat Robert Schlienz nicht gehabt.
Robert Schlienz ist Mittelpunkt, Zentrale des Spiels gewesen.
Man hat zu Hause einfach deshalb nicht verloren, weil Schlienz es nicht wollte. Und wenn es vorkam, daß einer den Lustlosen spielen wollte, dann brauchte sich kein Trainer am Spielfeld hinlegen und vor lauter Verzweiflung Gras fressen. Der Schlienz war es, der den Lustlosen anpiff und so antrieb, daß die Punkte eingefahren wurden.
Er ist der Götz von Berlichingen des VfB gewesen, der Ritter mit der eisernen Faust. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Denn er verlor den linken Arm im Frühling einer Karriere, die größer als die aller Mittelstürmer zu werden versprach.
Und wenn - als der Arm weg war, aber der Schlienz immer noch da war, eine Feier anstand, dann haute er mit der Kunsthand auf den Tisch, dass die Gläser wackelten und sagte den urschwäbischen Text des Götz dazu. So einer ist der gewesen, der dem VfB mehr als alle anderen gegeben hat, ohne dafür mehr als andere zu nehmen. Das Pech der frühen Geburt hat diesem Robert Schlienz vieles vorenthalten. Aber er weinte ihm nicht nach. Seine Traumkarriere ist nicht von der Art gewesen, die Reichtum alleine im Geld sahen.
Was ein Schlienz heute wert wäre, ein junger, unbeschädigter? Das steht in den Sternen. Sicher ist, daß er eine Nummer größer als Klinsmann wäre. Geschwätz? Moment mal. Robert Schlienz ist die allerhöchste Stufe von dem gewesen, was die Engländer "Goalgetter" oder "Matchwinner" und die Franzosen "Gagneur" nennen. Und die Deutschen "Siegertyp". Er war dabei, als die Süddeutsche Oberliga im Herbst 1945 startete und in 30 Spielen hat er 46 Tore geschossen. Ein Rekord, der nie gefährdet sein wird.
Am 14. August 1948 kam der schwarze Tag des Robert Schlienz. Weil er zu spät zum Treffpunkt der Mannschaft gekommen war, lieh ihm ein Freund sein Auto zur Fahrt nach Aalen, wo der VfB ein Pokalspiel zu bestreiten hatte. Alte und klapprige Vorkriegsware war´s und in einem riesigen Schlagloch passierte es. Der Wagen kippte um, und der Ellenbogen, den Schlienz wegen der Hitze aus dem Fenster gehängt hatte, wurde zermalmt. Zwei Stunden später wurde der Arm amputiert.
Für 99 von 100 Leistungssportler wäre die Karriere beendet gewesen. Für Robert Schlienz begann ein neue, die mit dem problematischsten aller Handicaps befrachtet war. Er hat sie mit Angst begonnen, aus der eine in der Geschichte dieses Spiels beispiellose Souveränität wurde.
Der Einarmige kam zurück. Entgegen aller Prophezeiungen von medizinischen und sportlichen Experten. Die Operation geschah im August, das Comeback im Oktober beim Meisterschaftsspiel gegen 1860 München. Und voll war das Neckarstadion, weil keiner an das Wunder glauben mochte. Es hatte zwei Väter. Der eine war der Betroffene selbst, der andere hieß Georg Wurzer. Sie übten jeden Tag bis in die Nacht hinein. Das ist hartes Brot, wenn du ganz andere Bewegungsabläufe einstudieren und dich beim Sturz abrollen musst, um nicht auf den Stumpf des Armes zu fallen.
Außerdem mußte der Amputierte aus den überfüllten Strafräumen herausgeholt werden. Wurzer nahm ihn in die Position des Außenläufers zurück.
Nie hat der VfB einen Kapitän mit dieser Ausstrahlung gehabt. Und dann hat Sepp Herberger Robert Schlienz die Krone aufgesetzt, die wohl nie mehr einer tragen wird, der dieses Handicap trägt. Er hat ihn in die Nationalmannschaft berufen zu den Länderspielen gegen Nordirland, Holland und England.
"We shall never see his like again", haben die Engländer gesagt, als Stanley Matthews abtrat. Und auch wir werden nie mehr einen Robert Schlienz erleben. Aber wir können alle lernen von ihm.